Basiswissen

Basiswissen

In diesem Abschnitt lernen Sie verschiedene Schreibmodelle und die einzelnen Phasen des Schreibprozesses kennen. Hierdurch soll Ihnen ermöglicht werden, die äußerst komplexe Tätigkeit des Schreibens zu entzerren und Rückschlüsse für Ihren eigenen Schreibprozess ziehen zu können . So können Sie Ihren Schreibprozess entlasten, wenn Sie wissen, wie Sie dabei vorgehen sollten und worauf Sie achten müssen.

Schreibmodelle

Was kann man als Schreiber tun, um sich die Produktion eines gelungenen Textes zu erleichtern und eventuellen Schreibhemmungen oder Schreibblockaden vorzubeugen? Die Antwort auf diese Frage wird häufig beim Text selbst gesucht. Kenntnisse über die Eigenschaften eines guten Textes sind jedoch noch keine Garantie für das erfolgreiche Schreiben. Neben Textsortenwissen gibt es eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die dabei eine wichtige Rolle spielen. Deswegen ist es wichtig, sich über seinen eigenen Schreibprozess bewusst zu sein. Das Grundwissen über die einzelnen Schritte des Schreibens ermöglicht es, den Schreibprozess zu entzerren und systematisch zu steuern. Es hilft Probleme zu erkennen, diese zu lösen und somit möglichst effektiv zu schreiben. Zwar schreibt jeder individuell unterschiedlich, es gibt jedoch Grundmuster, die bei jedem zu finden sind. Ausgehend von der Frage, wie der Schreibprozess im Detail abläuft, wurden viele verschiede Schreibmodellen erstellt. Schreibmodelle gehen nicht vom Text aus. Sie machen folglich keine Vorgaben dazu, was ein guter Text beinhalten muss, sondern bemühen sich darum, die Vorgänge, die auf dem Weg zum Text ablaufen, abzubilden. Somit liefern sie einen Überblick über den Schreibprozess und ermöglichen es, ihn systematisch analysieren zu können.

Das Modell von Hayes und Flower (1980)

Das bekannteste Schreibmodell wurde von Hayes und Flower entworfen (Hayes/ Flower 1980: 11). Da viele Teilprozesse des Schreibens vor der eigentlichen Schreibhandlung ablaufen und somit für Beobachter unsichtbar sind, bedurfte es einer Methode, welche auch die nur gedanklich stattfindenden Prozesse sichtbar macht. Die beiden Autoren haben daher „thinking aloud“ Protokolle erstellt, also Protokolle, in denen Probanden während des Schreibens zu „lautem Denken“ aufgefordert wurden. So gelang es ihnen, einen Einblick darin zu erhalten, welche Schritte der Schreiber vollzieht, bevor er etwas zu Papier bringt (vgl. Hayes/ Flower 1980: 10). Die Auswertung einer ganzen Reihe solcher Schreibprotokolle ergab, dass Schreiben nicht die Beherrschung einer einzigen Fähigkeit, sondern die gekonnte Kombination unterschiedlicher Teilkompetenzen ist. Dementsprechend entwarfen Hayes und Flower ein Schreibmodell, welches diese Erkenntnisse berücksichtigte (vgl. Abb. 1).

Abbildung 1: Schreibmodell von Hayes und Flower (Hayes/ Flower 1980: 11).

Das Modell von Hayes und Flower zeigt, dass der Schreibprozess nicht losgelöst von seinen Rahmenbedingungen stattfindet, sondern in Abhängigkeit zu dem Aufgabenumfeld (Task Environment) und dem Langzeitgedächtnis des Schreibers (Writer’s Long-Term-Memory) steht.

Unter dem Aufgabenumfeld sind alle externen Bedingungen, die auf den Schreibprozess einwirken, zu verstehen. Dazu gehören sowohl die Schreibaufgabe (writing assignment), als auch der bereits verfasste Text (text produced so far). Entscheidend für den Schreibauftrag sind sowohl das Thema als auch der Adressat, also die Person, für die der Text geschrieben wird. Darüber hinaus ist aber auch die Motivation des Schreibenden wichtig, welche wiederum durch eine Reihe von Faktoren beeinflusst werden kann. Sobald mit dem Schreiben begonnen wurde, ist aber auch der bereits verfasste Text für den weiteren Schreibprozess relevant, weil sich der Schreiber immer wieder auf diesen zurückbezieht (vgl. Hayes/ Flower 1980: 12).

Das Langzeitgedächtnis nimmt laut Hayes und Flower Einfluss auf den Schreibprozess, da sie davon ausgehen, dass ein Autor beim Schreiben stets auf sein gespeichertes Wissen zurückgreift – sowohl auf sein Themenwissen (knowlege of topic), als auch auf sein Wissen über den Adressaten (knowlege of audience) und die Schreibvorgänge (stored writing plans) (vgl. Hayes/ Flower 1980: 12).

Der Schreibprozess selbst wird von Hayes und Flower in drei Hauptbestandteile unterteilt: Planen (planning), Formulieren (translating) und Überarbeiten (reviewing) (vgl. Hayes/ Flower 1980: 12), deren Bedeutung im Folgenden kurz erläutert wird:

1. Planen: Die Planungsphase bedeutet zunächst, Anforderungen aus dem Aufgabenumfeld mit dem im Langzeitgedächtnis vorhandenen Wissen abzugleichen. Es wird zum Beispiel Wissen über das Thema oder den Adressaten abgerufen sodass Ideen gewonnen werden. Dieser Schritt wird im Modell als „generating“ bezeichnet (vgl. Hayes/ Flower 1980: 12f). „Organizing“ bedeutet, dass die Ideen ausgewertet und zu einem Schreibplan geordnet werden (vgl. Hayes/ Flower 1980: 14). Neben themenrelevanten Informationen werden beim „generating“ auch Gütekriterien (z.B. angemessener Stil, Verständlichkeit etc.) für den Text gesammelt. Diese Vorstellung davon, wie der spätere Text beschaffen sein soll, wird unter dem Begriff „goal setting“, also Zielsetzung, gespeichert. Die hier gesammelten Kriterien werden auch beim späteren Überarbeiten wieder herangezogen (vgl. Hayes/ Flower 1980: 15).

2. Formulieren: Hier wird das Gedachte unter Berücksichtigung bekannter Schreibpläne versprachlicht und in Sätzen aufgeschrieben (vgl. Hayes/ Flower 1980: 15).

3. Überarbeiten: Die Überarbeitungsphase dient der Textverbesserung. Der bereits produzierte Text wird erneut gelesen und entsprechend der Zielvorstellungen überarbeitet (vgl. Hayes/ Flower 1980: 16).

Der Monitor steht für die Schreibstrategien des Autors. Diese Schreibstrategien dienen als Kontroll- und Steuerungsinstanz (vgl. Molitor Lübbert 1996: 1006f). Sie geben beispielsweise vor, ob ein Satz geschrieben werden solloder ob man ihn verwirft. Der Monitor verbindet die drei Teilprozesse Planen, Formulieren und Schreiben miteinander, da er in allen Phasen wirksam ist und immer wieder ein Zurück- oder Vorgreifen auf andere Phasen notwendig macht. Die Phasen des Schreibens stehen somit nicht isoliert nebeneinander und bilden auch keine starre Reihenfolge. Ganz im Gegenteil, die Phasen können einander immer wieder unterbrechen und neu durchlaufen werden (vgl. Kupfer-Schneider 2005: 25). Zum Beispiel gehen Hayes und Flower davon aus, dass „editing“, also das Überarbeiten entsprechend der Zielvorstellungen, Teil jeder einzelnen Phase ist (vgl. Hayes/ Flower 1980: 29).

Dass die Phasen keine starre Reihenfolge bilden, bedeutet jedoch nicht, dass Sie zwischen ihnen beliebig wechseln sollten. Für einen erfolgreichen Schreibprozess ist es wichtig, die einzelnen Teilprozesse bewusst und strategisch sinnvoll zu durchlaufen (vgl. Kupfer-Schneider 2005: 25). So ist es beispielsweise sinnvoll, eine Planungsphase allen weiteren Schreibhandlungen vorzuziehen.

Aufbauend auf dem Modell von Hayes und Flower wurden weitere Schreibmodelle mit verschiedenen Schwerpunkten entwickelt.

Das Modell von Kruse (2007)

Otto Kruse hat ein Modell zum Schreibprozess entwickelt, welches sich auf den idealen Ablauf der einzelnen Arbeitsschritte des wissenschaftlichen Schreibprozesses konzentriert (vgl. Abb. 2). Dabei blendet er die Rahmenbedingungen des Schreibens, wie das Langzeitgedächtnis und die Schreibumgebung, aus. Durch den Verzicht auf eine Instanz wie den Monitor und vor allem durch die kreisförmige Anordnung der einzelnen Teilschritte, erscheint der Schreibprozess als eine starre Reihenfolge einzelner Tätigkeiten. Kruse hebt jedoch hervor, dass „Schreiben […] selten linear planbar und durchführbar [ist]“ (Kruse 2007: 114). Kruse stellt sogar fest, dass es selbst bei der besten Planung häufig notwendig ist, bereits getroffene Entscheidungen zu modifizieren oder neue Aspekte zu ergänzen. Schließlich würde man beim Schreiben neue Erkenntnisse gewinnen, an die man seine Vorgehensweise und seinen Text anpassen muss (vgl. Kruse 2007: 114). Darin sieht er jedoch keine Minderung der Textqualität. Ganz im Gegenteil sei es „oft gerade das Unerwartete und Überraschende, das sich unterwegs einstellt, das […], was die Qualität neuen Wissens besitzt“ (Kruse 2007: 115).

Abbildung 2: Modell des Schreibprozesses von Kruse (Kruse 2007: 112)

Durch die idealtypische Darstellung des Schreibprozesses gelingt es Kruse zu verdeutlichen, wie viele Teilschritte auf dem Weg zum fertigen Text bewältigt werden müssen. Zudem werden einzelne Phasen wie das Planen, Material sammeln bzw. Datenerhebung, Überarbeiten und Abschließen/ Publizieren veranschaulicht, indem einzelne Aufgaben innerhalb dieser Phasen benannt und in entsprechender Reihenfolge aufgelistet werden.

Da er sich auf wissenschaftliches Schreiben bezieht, räumt Kruse der Datenrecherche und -gewinnung einen großen Raum ein. Er setzt sie anstelle des Formulierens zwischen die Planungs- und die Überarbeitungsphase. Die Phase des Formulierens wird jedoch durchaus berücksichtigt und durch die fett hervorgehobenen Ergebnisse des Schreibens dargestellt: So folgt auf das leere Blatt ein Exposé, auf dessen Grundlage der Rohtext formuliert werden und schließlich ein Manuskript erstellt werden kann.

Die letzte Phase des Modells von Kruse entfällt für die meisten Arbeiten im Studium, da sie in der Manuskriptfassung abgegeben und korrigiert werden. Vor der eigentlichen Abgabe wird der Text im Studium meist nicht zuvorvon dem Dozenten korrigiert, sodass man die Chance zur weiteren Verbesserung hat. Die letzte Phase wurde vor allem für wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Teil aber auch für Doktorarbeiten ergänzt (vgl. Kruse 2007: 114).

Schreibmodell für das Schreiben in der Fremd- und Zweitsprache

Die Modelle von Hayes und Flower sowie von Kruse beziehen sich lediglich auf das Schreiben in der Erstsprache. Wer in einer Fremd- oder Zweitsprache schreiben möchte, steht vor weiteren Anforderungen. Schreibmodelle, welche den Schreibprozess in der Zweit- oder Fremdsprache (L2) abbilden wollen, müssen um diesen Aspekt erweitert werden. In Abbildung 3 hat Grießhaber das Modell von Hayes und Flower für L2-Schreiber weiterentwickelt.

Abbildung 3: Von Grießhaber (2005) für L2-Schreibende modifiziertes Modell von Hayes und Flower (1980) (Grießhaber 2008: 232).

Vor allem in dem Bereich Planen, Formulieren, Überarbeiten ergibt sich für L2-Schreiber eine erschwerte Situation. So hat dieser meist weniger Kenntnisse über den Wortschatz (Lex = Lexik) und Satzbau (STX = Syntax) in der Fremd- oder Zweitsprache, als in der Erstsprache (L1). Oft wird daher versucht, Wissen aus der L1 auf die L2 anzuwenden. Entsprechend anspruchsvoll ist der Prozess des Formulierens in der L2. Auch beim Überarbeiten muss beachtet werden, dass ein L2-Schreiber den Text nicht mit den Kompetenzen eines Muttersprachlers beurteilen kann (vgl. http://spzwww.uni-muenster.de/~griesha/eps/wrt/prozess/griesshaber05.html. Abgerufen am 12.09.2011).

Tipp: Entwerfen Sie doch einmal Ihr ganz persönliches Schreibmodell. Diese Übung kann Ihnen dabei helfen, sich Ihren Schreibprozess bewusst zu machen und eventuell gezielte Verbesserungsmaßnahmen vorzunehmen. Fragen, die Sie dabei unterstützen können, finden Sie bei den Übungen.

Phasen des Schreibprozesses

Obwohl es viele verschiedene Schreibmodelle gibt, lehnt sich das Grundmuster der aktuellen prozessorientierten Schreibanleitungen an den drei Phasen des Modells von Hayes und Flower an: den Schreibprozess vorbereiten (Planen), eine Rohfassung formulieren (Formulieren), den Text überarbeiten (Überarbeiten) (vgl. Kruse/ Ruhmann 2006: 15).

Planen

In dieser Phase wird zunächst das Vorwissen über das Thema, die Adressaten sowie die Schreibaufgabe aktiviert. Häufig – bei wissenschaftlichen Arbeiten immer – müssen jedoch zusätzliche Informationen beschaffen werden. Daher ist das Recherchieren und Lesen über das Thema ein wichtiger Bestandteil der Planungsphase. Das Thema muss verstanden, gegen andere Themen abgegrenzt und konkretisiert werden. Zu der Planung gehört auch, sich die Erwartungen der Zielgruppe bewusst zu machen, eine geeignete Textsorte zu wählen und ihre Eigenschaften zu kennen. Hierauf werden ein Schreibplan und eine Gliederung erstellt.

Formulieren

In dieser Phase geht es darum, zunächst eine Rohfassung zu schreiben. Wichtig an dieser Stelle ist, die zuvor gesammelten Ideen in Sätze zu formulieren und zu Papier zu bringen. Dabei sollten inhaltliche und sprachliche Feinheiten zurückgestellt werden, schließlich müssen erst einmal Inhalte festgehalten werden. Diese können in einem nächsten Schritt überarbeitet werden.

Überarbeiten

In diesem Schritt wird dem Text der Feinschliff gegeben. Da ein Text auf verschiedene Kriterien hin überprüft und überarbeitet werden muss, ist es sinnvoll, die Überarbeitung in Teilschritte zu zerlegen. Grundsätzlich ist es ratsam, den Text erst auf inhaltliche Klarheit und dann auf sprachliche und formale Aspekte zu prüfen und zu überarbeiten. Die Regel lautet also: das Überarbeiten erfolgt vom Groben zum Feinen.

Auch an dieser Stelle soll noch einmal betont werden, dass Schreiben kein linearer Prozess ist. Die einzelnen Phasen greifen immer wieder ineinander über. Es kommt beispielsweise vor, dass in der Phase des Formulierens noch weitere Informationen zum Thema eingeholt werden müssen oder schon während des Formulierens Überarbeitungsvorgänge im Kopf ablaufen.