Basiswissen

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Qualitative Forschung – Was ist das?

Wer sich mit empirischer Forschung beschäftigt, muss sich bewusst sein, dass es unterschiedliche Paradigmen gibt, wie empirische Untersuchungen durchgeführt werden können. Gegenüber stehen sich die qualitative oder auch deskriptiv-interpretative und die quantitative oder auch analytisch-nomologische Forschungsrichtung. Die quantitative Forschung wertet Daten statistisch aus und setzt sie miteinander in Beziehung. Die qualitative Forschung hingegen bemüht sich um subjekt- und situationsspezifische Aussagen.

Ein Phänomen wird möglichst genau und in seiner gesamten Komplexität untersucht, um es besser zu verstehen und so neue Hypothesen zu generieren oder eine Theorie zu entwickeln. Häufig ist die qualitative Forschung der quantitativen vorgeschaltet, um erst einmal einen Eindruck von einem Themengebiet zu gewinnen.

Mit den unterschiedlichen Zielsetzungen der Forschungsansätze gehen auch Unterschiede in den verwendeten Forschungsmethoden und den erhaltenen Daten einher. Die quantitative Forschung bedient sich standardisierter Methoden, damit sich die Ergebnisse in Zahlen statistisch erfassen lassen. Deshalb ist sie auch um eine möglichst objektive Herangehensweise bemüht (vgl. Flick 2007, S. 24). Dagegen ist es bei der qualitativen Forschung wichtig, dass die untersuchten Personen die Möglichkeit haben, sich individuell zu äußern, damit ihre subjektive Wahrnehmung erfasst werden kann. Bei der qualitativen Forschung werden daher individuelle Erfahrungen anhand verbaler Daten untersucht, die von den Forschenden interpretiert werden. Zu solchen verbalen Daten gehören vor allem Texte, wie Beobachtungsprotokolle, Interviewtranskripte, Briefe oder Zeitungsartikel. Es können aber auch Fotos, Filme oder Zeichnungen als Datenmaterial dienen (vgl. Bortz/ Döring 2006, S. 296). Anstelle von „qualitativer“ wird auch von „rekonstruktiver“, „interpretativer“ und „nicht standardisierter“ Forschung gesprochen (vgl. Flick 2009, S. 21).

Der Prozess der quantitativen Forschung erfolgt dabei in der Regel linear, während die qualitative Forschung einem zirkulären Prozess unterworfen ist. Das bedeutet, dass sich die einzelnen Phasen wiederholen können, um die Forschung den Umständen anzupassen.

Qualitative oder quantitative Forschung?

Ob ein Phänomen quantitativ oder qualitativ erforscht werden sollte, hängt entscheidend von den Informationen ab, die am Ende der Arbeit gewonnen werden sollen.

Möchten Sie einen Forschungsgegenstand mit Zahlen beschreiben und Statistiken erstellen, sollten Sie sich für eine quantitative Arbeit entscheiden. Ein solches Vorgehen kennen Sie sicher von Fragebögen zur Seminarevaluation. Sie würden in ihrem Fragebogen dazu auffordern, anhand einer Zahlenskala zu bewerten, wie Sie das Seminar beurteilen. Die Antwortmöglichkeiten standardisieren Sie, indem Sie Zahlen zur Auswahl vorgeben.

Möchten Sie jedoch wissen, was den Teilnehmern an diesem Seminar gefallen oder nicht gefallen hat, sollten Sie eine qualitative Studie durchführen. Diese würde in einem Fragebogen individuelle Anmerkungen der Befragten zulassen. Dabei ist eine umfassende, verbale Auskunft nötig, um die Einschätzung des Seminars nicht nur in Zahlen zu äußern, sondern auch ausführlich begründen zu können.

Die folgende Tabelle bietet Ihnen einen Überblick über die Unterschiede von qualitativer und quantitativer Forschung.

  Qualitative Forschung Quantitative Forschung
Tabelle 1: Unterschiede zwischen qualitativer und quantitativer Forschung (Flick 2009, S. 26)
Theorie als Endpunkt, soll entwickelt werden als Ausgangspunkt, soll überprüft werden
Fallauswahl gezielt nach theoretischer Ergiebigkeit des Falls an (statistischer) Repräsentativität orientiert, im Idealfall eine Zufallsauswahl
Datenerhebung offen standardisiert
Datenauswertung interpretierend statistisch
Verallgemeinerung im theoretischen Sinn im statistischen Sinn auf die Grundgesamtheit

Bevor Sie sich für ein Vorgehen entscheiden, sollten Sie sich auch überlegen, ob sich Ihre Vorstellungen umsetzten lassen. Bei sehr persönlichen oder heiklen Themen könnte beispielsweise ein anonymer Fragebogen aussagekräftiger sein als ein offenes Interview, in dem sich die befragten Personen nicht trauen, offen zu antworten. Im Falle einer qualitativen Befragung müsste sichergestellt werden, dass eine vertrauensvolle Atmosphäre zwischen Interviewer und Befragtem besteht (vgl. Bortz/ Döring 2006, S. 298).

In bestimmten Fällen ist eine Kombination von quantitativen und qualitativen Methoden sinnvoll. Beispielsweise könnte eine qualitative Vorstudie zur Entwicklung von Hypothesen über einen Sachverhalt dienen, die anschließend mithilfe quantitativer Verfahren geprüft werden.

Hier finden Sie einige Fragen, die Ihnen dabei helfen können, sich für eine qualitative oder quantitative Studie zu entscheiden.

  • a. Wo liegt Ihr Erkenntnisinteresse?
  • b. Wie entwickelt ist der Wissensstand zu diesem Thema?
  • c. Handelt es sich bei der Arbeit möglicherweise um eine explorative Studie?
  • d. Wie detailliert ist das eigene Wissen bereits?
  • e. Soll sich die Untersuchung mit Individuen, subjektiven Eindrücken, Diskursen o.ä. auseinandersetzen?
  • f. Gibt es bereits eine fokussierte und eindeutig formulierte Fragestellung?
  • g. Gibt es bereits feststehende zu untersuchende Kategorien?
  • h. Müssen mit der Untersuchung erst Kategorien geschaffen werden?
  • i. Welche Ressourcen stehen für die Durchführung der Studie zur Verfügung?

(nach Flick 2012, S. 514).

Kennzeichen qualitativer Forschung

Auch wenn eine Vielzahl unterschiedlicher qualitativer Ansätze existiert, lassen sich grundlegende Gemeinsamkeiten feststellen:

Orientierung am Subjekt

Eine Orientierung am Subjekt bedeutet in der qualitativen Forschung das Bemühen darum, die Weltsicht und inneren Beweggründe des Gesprächspartners nachzuvollziehen. Daher ist die Kommunikation zwischen Forschendem und Untersuchungsobjekt essentiell. Durch die Kommunikation können Forschende das Erleben und Verhalten der untersuchten Personen nachvollziehen.

Interpretation

Wie eine Handlung wahrgenommen wird, hängt immer von der subjektiven Wahrnehmung des Einzelnen ab. Ein und dieselbe Situation kann vollkommen unterschiedlich beobachtet werden. Qualitative Forschung geht davon aus, dass die Realität erst durch Interpretation gebildet wird und daher nicht objektiv vorgegeben ist. Deswegen ist es wichtig, vor Beginn der eigentlichen Forschung zu klären, welches Vorverständnis vom Forschungsgegenstand vorliegt (vgl. Mayring 2002, S.25).

Offenheit

Das Ziel qualitativer Forschung ist nicht, bereits vorhandene Ideen zu überprüfen, sondern in den untersuchten Situationen Neues zu entdecken und daraus neue Hypothesen und Theorien abzuleiten (vgl. Flick 2009, S. 25). Für qualitative Studien ist es somit wichtig, offen für Unerwartetes zu sein, um möglichst viel über den Forschungsgegenstand zu erfahren. Ein zentrales Prinzip qualitativer Forschung ist daher die Offenheit (vgl. Lamnek 2010, S. 20).

Natürliche Umgebung

Um ein natürliches und nicht durch eine künstlich geschaffene Laborsituation verfälschtes Ergebnis zu erhalten, werden die Untersuchungen in einem möglichst natürlichen, alltäglichen Umfeld durchgeführt. Bei solchen Untersuchungssituationen spricht man von einem Feld und der Feldforschung. Bei Befragungen ist das Alltagswissen der Untersuchten von Interesse. Ein extra für die Untersuchung konstruiertes Experiment könnte ein anderes Verhalten bewirken, sodass sich die untersuchte Person anders verhält als gewöhnlich (zum Beispiel, weil sie versucht, den Ansprüchen des Versuchsleitenden gerecht zu werden oder einfach nur, weil sie sich beobachtet fühlt). Dadurch werden Untersuchung und Ergebnis verzerrt (vgl. Mayring 2002, S. 23).

Welchen Gütekriterien muss qualitative Forschung gerecht werden?

Validität, Reliabilität und Objektivität sind die klassischen Gütekriterien quantitativer Forschung.

Validität (Gültigkeit)

Das Kriterium der Validität muss sowohl für die Untersuchungsanordnung als auch für die Messinstrumente geprüft werden. Wichtig ist, dass das Ergebnis einer Untersuchung eindeutig interpretiert werden kann (interne Validität) und dass es auf andere Situationen übertragbar ist (externe Validität) (vgl. Flick 2009, S. 264-265). Die Validität von Messinstrumenten lässt sich mit der Frage klären: „Misst die Methode, was sie messen soll?“ (Flick 2009, 266).

Reliabilität (Zuverlässigkeit)

Gibt den Grad der Messgenauigkeit des für die Untersuchung verwendeten Instruments (z.B. ein Fragebogen, ein Test etc.) an (vgl. Flick 2009, S. 262).

Objektivität

Ein Test oder Fragebogen muss unabhängig davon, welche Person ihn verwendet, zu identischen Ergebnissen führen. Die Objektivität gibt an, ob dies zutrifft (vgl. Flick 2009, 269-270).

Die klassischen Gütekriterien lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres auf qualitative Forschung übertragen, da sich diese durch die individuelle Betrachtung eines Individuums o.ä. in einer Situation auszeichnet. Für die qualitative Forschung gibt es daher keine allgemeingültigen Gütekriterien. Dies liegt an den höchst unterschiedlichen Ausgangssituationen und Erhebungsverfahren der jeweiligen Studien. Dennoch ist qualitative Forschung nicht beliebig. Es ist daher sinnvoll, sich an breit angelegten Kernkriterien zu orientieren und zu prüfen, wie sich diese in Bezug auf die jeweils spezifische Fragestellung, den Gegenstand und die verwendete Methode konkretisieren und erweitern lassen. Im Folgenden werden zwei wesentliche Kernkriterien nach Steinke (vgl. Steinke 2008, 324-331) beschrieben:

Intersubjektive Nachvollziehbarkeit

Damit durch qualitative Forschung gewonnene Ergebnisse bewertet werden können, muss der Forschungsprozess nachvollziehbar sein. Um dies zu gewährleisten helfen folgende Fragen:

1. Habe ich den Forschungsprozess ausreichend dokumentiert? Dazu gehört die Dokumentation…

  • … des Vorverständnisses und der expliziten und impliziten Erwartungen
  • … der Erhebungsmethode und des Erhebungskontextes
  • … der Transkriptionsregeln
  • … der gewonnenen Daten
  • … der Auswertungsmethoden
  • … der Informationsquellen (beinhaltet z.B. wörtliche und sinngemäße Äußerungen des Interviewpartners, Beobachtungen des Forschers sowie seine Hypothesen, Deutungen und Interpretationen)o … von Entscheidungen und aufgetretenen Problemen
  • … der Kriterien, denen die Arbeit genügen soll des Vorverständnisses und der expliziten und impliziten Erwartungen

2. Habe ich die Möglichkeit, meine Daten und Interpretationen in Gruppen durchzuführen?

Das Interpretieren in Gruppen zwingt dazu, den Umgang mit den Daten explizit zu machen, um sich den anderen zu erklären. So wird die Datengewinnung auch für Außenstehende besser nachvollziehbar. Darüber hinaus kann „peer debriefing“, also die die regelmäßige Besprechung mit Personen, die nicht an der Forschung beteiligt sind, die Nachvollziehbarkeit unterstützen. Ein solches Vorgehen kann auch dabei helfen „blinde Flecken“ der Studie aufzudecken.

3. Werden kodifizierte Verfahren verwendet?

D.h. handelt es sich bei dem angewandten Verfahren um eines, für das es bereits bekannte Regeln gibt (z.B. narratives Interview, Grounded Theory)?

Wenn dies nicht der Fall ist, muss das neu entwickelte Analyseverfahren genau erläutert werden, damit es nachvollziehbar ist.

Angemessenheit des Forschungsprozesses

Ob der Forschungsprozess angemessen für den untersuchten Gegenstand ist, lässt sich ebenfalls durch einige Fragen überprüfen:

  • 1. Eignet sich das qualitative Vorgehen für die Fragestellung?
  • 2. Sind die Erhebungs- und Auswertungsmethoden angemessen?
  • 3. Ist die Auswahl der Untersuchungsfälle und –situationen so getroffen, dass möglichst informative Fälle ausgewählt wurden?
  • 4. Wurden die einzelnen methodischen Entscheidungen so getroffen, dass sie in Hinblick auf die Gesamtuntersuchung zusammenpassen? (Sind z.B. die für die Methoden benötigte Zeit, Anzahl an Projektmitarbeitern etc. verfügbar?)
  • 5. Sind die Bewertungskriterien in Hinblick auf Untersuchungsgegenstand, Methode und Fragestellung angemessen?

Wenn Sie Hypothesen bzw. Theorien aufstellen und überprüfen, können Ihnen folgende Fragen helfen, um die Qualität zu sichern:

  • Dient die Theorie dazu, neue Deutungsmöglichkeiten zu erlangen (vgl. Steinke 2008, S. 330)?
  • Lassen sich die Hypothesen bzw. Theorien mit den gewonnenen Daten begründen? Gibt es zum Beispiel genug Textbelege in den Daten für die gewonnene Theorie (vgl. Steinke 2008, S. 328)?
  • Werden Widersprüche und abweichende Fälle in den Daten und Interpretationen offen gelegt und diskutiert (vgl. Steinke, S. 330)?
  • Haben Sie Ihre eigene Rolle als Forscher und die damit einhergehende mögliche Einflussnahme auf das Forschungsergebnis reflektiert? Welche Forschungsinteressen haben Sie? Welche Vorannahmen haben Sie? Welche Form der Kommunikation bevorzugen Sie? Was sind Ihre biographischen Hintergründe? (vgl. Steinke 2008, S. 330-331).
  • Kommunikative Validierung: Sind Sie sich Ihrer Ergebnisse sicher, sind sie stimmig und gültig und haben Sie dafür gegebenenfalls noch einmal Rücksprache mit den Befragten gehalten? (vgl. Lamnek 2010, S. 139).
  • Argumentative Validierung: Haben Sie Ihre Vorannahmen offen gelegt? Verläuft Ihre Argumentation regelgeleitet, um die intersubjektive Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten? (vgl. Lamnek 2010, S. 140).
  • Regelgeleitetheit: Haben Sie die Regeln, nach denen Sie vorgehen, nachvollziehbar erklärt? Gehen Sie systematisch vor und befolgen Sie Ihre selbst aufgestellten Regeln? (vgl. Mayring 2002, S. 145f).
  • Nähe zum Gegenstand: Erforschen Sie mit Ihrer Untersuchung natürliche Lebenswelten oder schaffen Sie eine künstliche Situation, arbeiten Sie vielleicht in einem Labor? Haben Sie Ihre Forschung an der Alltagswelt orientiert? Erzeugen Sie eine Interessenannäherung zwischen Ihren und den Interessen der/des Erforschten? (vgl. Mayring, S. 146).

Methoden qualitativer Forschung

Es gibt eine Vielzahl verschiedener Verfahren zur Gliederung der vorhandenen Methoden. Hinter den unterschiedlichen Klassifizierungen verbergen sich jedoch im Grunde weitgehend dieselben Methoden. Sehr übersichtlich ist die Klassifizierung von Bortz und Döring (2006):

  • Qualitative Befragung Durch Befragungstechniken kann man subjektive Sichtweisen von Befragten zu dem untersuchten Gegenstandsbereich erfahren. Zu den qualitativen Befragungen gehören sowohl Interviews mit Einzelpersonen oder in der Gruppe als auch Gruppendiskussionen. Dabei können die Befragungen sehr offen gestaltet sein, wenn die Befragten in einem narrativen Interview zum freien Erzählen angeregt werden. Interviews können sich jedoch auch an einem offenen bis halbstandardisierten Leitfaden orientieren (vgl. Bortz/ Döring 2006, S. 308).
  • Qualitative Beobachtung: Hierbei nimmt der Forschende auf unterschiedliche Art an der natürlichen Situation seines Untersuchungsgegenstandes teil. Dabei wird mit offenen Kategorien bzw. Fragestellungen gearbeitet. Wenn die Beobachtung des natürlichen Umfelds nicht möglich ist, kann auch auf ein Rollenspiel ausgewichen werden (vgl. Bortz/ Döring 2006, S. 322). Beobachtungen können dabei teilnehmend und nicht-teilnehmend erfolgen:

Bei der teilnehmenden Beobachtung nimmt der Forschende aktiv an der natürlichen Situation teil, die er untersuchen möchte, und übernimmt dort eine soziale Rolle. Wenn er seine Untersuchung dabei publik macht, handelt es sich um eine offen-teilnehmende Beobachtung. Wenn er dies nicht tut, führt er eine verdeckt-teilnehmende Beobachtung durch. Bei der nicht-teilnehmenden Beobachtung hingegen, hält sich der Forschende aus der Situation heraus und interagiert nicht (vgl. Diekmann 2012, S. 563-569).

  • Nonreaktive Verfahren: Damit sind Erhebungsverfahren gemeint, bei denen Beobachter und untersuchtes Objekt keinen Kontakt zueinander haben. Beispiele für nonreaktive Verfahren sind: Auswertung von Massenmedien wie Bücher und Filme; Symbolen Schildern und Hinweistafeln (vgl. Boltz/ Döring 2006, S. 325).